Die Ameise im ICE
Eine kleine surreale Poesie.
Ich fahre weg. Lasse mich treiben. Höre den Bass, wann endlich? Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Landschaft an mir vorbei ziehen. Wusch, wusch. Das leise Brummen des Zuges erfüllt den Raum. Die Gespräche vermischen sich zu einem Rauschen. Ich sitze hier und sehe mich um. Vor mir sehe ich den Sitz. Langweilig. Rechts von mir liegt meine Tasche. Zum Glück habe ich den Zweier für mich alleine. Noch weiter rechts? Die Gepäckablage. Es dauert noch einige Stunden. Ich drehe den Kopf wieder nach links. Die Sonne steht am Himmel. Bald wird sie untergehen. Ich warte. Ich warte. Ich schlage mein Buch auf und lese ein paar Seiten. Ich kann nicht mehr, ich werde unruhig.
Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche. 60%. Soll ich? Soll ich nicht? Ich stecke es ein. Der Strom lädt nicht. Es ist riskant. Ich langweile mich. Ich mache es an, öffne Insta. Scroll, scroll. 5% weniger. Hat sich das gelohnt? Ich werde es später erfahren. Im Viereck nich viel los. Brainrot. Ich spüre mein Brain rotten. Ich habe Kopfschmerzen, ich will rauchen. Ich trinke einen Schluck Wasser aus meiner Flasche und lege den Kopf in meinen Nacken. Ich gucke mir die Decke an. Über mir liegt meine andere Tasche. Hoffentlich vergesse ich sie nicht beim Aussteigen. Ich gähne. Ich mache die Augen zu. Es vergehen Stunden. Ich schaue auf die Uhr. Es sind nur 10 Minuten vergangen. Ich habe Durst. Durst nach Entertainment. Durst nach Konsum. In meiner Kehle das flüchtige Gefühl von Rauch, wie ich an einer Zigarette ziehe. Hinfort, ihr Gelüste!
Schräg gegenüber sitzt eine Frau mit langen blonden Haaren und grünen Augen. Ich lasse ein paar Blicke bei ihr. Ich sollte nicht starren. Ich gucke wieder nach draußen. Inzwischen ist die Sonne etwas tiefer. Die Windräder stehen stoisch in der Landschaft. Dreh, dreh, dreh. Ich denke über den Drehstrom nach. Wie er rotiert, Phase für Phase. Ich denke über Wind nach. Ich stelle mir die Spitzen der Rotorblätter vor, wie sie durch den Wind schneiden. Ich stelle mir vor, ich bin eine Ameise auf dem Rotorblatt, wie sich die ganze Welt dreht. Wie der Wind um mich rast. Kontinuierlich in eine Richtung. Wenn sich die Welt langsamer dreht, dann dreht sich auch der Wind. Und dreht sie sich nicht, dann kommt er von oben. So ist das, ohne Scheiß. Ich finde wieder zu mir.
Meine Augen defokussieren die Landschaft. Ich schaue mir die Scheibe vor mir an. Kristalle, Kristalle und noch mehr Kristalle formen ein dichte und wild unstrukturierte Masse an Silikat-Molekülen. Sie brechen das Licht nicht. Es rast einfach hindurch. Setz dich auf einen Lichtstrahl und sieh wie die Zeit stillsteht. Das ganze Universum, hauchdünn. Von einem Ende zum anderen, in weniger als einem Infinitesimal einer Sekunde. Instantan. Auf einem Lichtstrahl dauert die Ewigkeit keine Zeit. Keine Zeit, sagen sie immer. Als säßen alle auf einem Lichtstrahl. Keine Zeit zum Leben, keine Zeit zum Lachen. Wir müssen Geld verdienen. Damit wir später mal was davon haben. Wann ist später? Später passiert niemals. Es gibt nur jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Jeder Augenblick. Zukunft ist ein Konstrukt. Wie lange noch? Ein Infinitesimal. Dann sind wir da. Aber es fühlt sich ewig an. Wie eine Ameise auf einem Marathon. Überquere ich den Atlantik? Vor mir fließendes Wasser. Es ist auf dem Weg dorthin. Irgendwann ist es da. Aber es kommt auch woher.
Vielleicht gab es in der Vergangenheit einen Jungen in einem Zug, der blickte aus dem Fenster und sah das fließende Wasser. Er dachte sich: Dieses Wasser, bald ist es bei Paul. Dann wird er es sehen. Und sich freuen, denn es hat seinen Weg noch nicht ins Meer gefunden. Es war Just in Time bei ihm. Genau dieses Wasser. Und bald ist es da. Im Meer. Dann ist es zuhause, vermengt sich, vermischt sich, wird eins mit dem Großen. Unwiederkennlich, einzigartig. Dann gehe ich auf die Suche und suche das Wasser. Genau dieses. Es wird eine Ewigkeit brauchen. Oder nur ein Infinitesimal. Ich setze mich auf einen Lichtstrahl und grase das Meer ab. Ich gucke es mir genau an, jedes Molekül. Bist du es? Hab ich alle gefunden? Es dauert ewig. Und schon bin ich fertig. Ich habe alles gefunden. Habe das Wasser gesammelt und fülle eine Badewanne damit.
Dann lasse ich den Abfluss laufen. Es ist weg. Stück für Stück, Schluck für Schluck. Ein winziger Strudel entsteht über dem Abfluss. Es dreht sich, es dreht sich. Ich stelle mir vor ich bin eine Ameise im Strudel. Das Badezimmer dreht sich, es dreht sich. Die ganze Welt. Das Wasser steht still, ich schwimme eine Runde. Die Zeit steht still, in der Zukunft werde ich häufiger schwimmen. Schwimme ich rechts, schwimme ich links, geradeaus oder zurück? Oder tauche ich abwärts? Egal in welche Richtung, alle Wege führen ins Meer. Schon bald bin ich da. Station Mannheim. Das Schild zieht an mir vorbei. Haben wir den Halt verpasst? Kein Ausstieg. Durchsage.
Eine kratzige Stimme ertönt durch den langen Raum. Die Wellen erreichen meine Ohren, mein Trommelfell vibriert. Ich gehe zurück, drehe die Zeit zurück. Die Welle läuft rückwärts, durch die Luft, prallt an den Scheiben ab, wird von den Kissen verschluckt, ein Teil bleibt übrig, darauf bin ich. Ich bin eine Ameise auf der Welle und werde durch die Luft getragen. Irgendwann bin ich da. Die Lautsprecher dröhnen, sie gehen vorwärts und rückwärts. Extrem schnell. Ich setze mich auf eine Schallwelle. Ich bin eine Ameise. Haben Ameisen Ohren? Nein. Aber mein Körper bebt. Er bebt. Immer wieder. In einer so hohen Frequenz, ich kann die Worte in meinem kleinen Körper formen spüren. Ich drehe mich um und sehe die Welt an mir vorbei sausen. Bald bin ich da.
