Ich bin kein Radfahrer
Ich bin mehr. Ein Text über Identität.
Ich bin kein Radfahrer. Ich bin auch kein Fußgänger. Ebensowenig bin ich ÖPNV-Fahrer. Ja, ich fahre oft mit dem Fahrrad, ich gehe oft zu Fuß, und ich bewege mich oft mit Bus und Bahn. Aber ich fände es schade, nur als Nutzer eines Verkehrsmittels gesehen zu werden. Solch ein Label greift zu kurz, denn es stellt Menschen so dar, als würden sie nur deshalb draußen sein, um irgendwo hin zu kommen. Dabei hat das Leben zwischen den Zielen viel mehr zu bieten, als den reinen Transport. Während ich auf dem Weg bin, bin ich vieles.
Ich bin ein Mitbürger. Ich liebe es, auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause meinen Mitmenschen zu begegnen. Von den Mann, dem ich morgens bei seinem morgentlichen Spaziergang mit seinem Hund begegne, bis hin zur Verkäuferin in der Rewe, die mich für das Feierabendbier abkassiert. Ich wünsche mir ein gutes Leben für sie alle, so wie ich mir auch ein gutes Leben wünsche. Wir sind alle ein Stück weit für uns gegenseitig verantwortlich.
Ich bin ein Freund. Ich liebe es, auf dem Weg Geschichten mit meinen Freunden zu teilen. Wenn ein Freund gerade eine lange Beziehung hinter sich hat, dann spendet ein langer, gemeinsamer Spaziergang Trost. Wenn ich meine Freunde zuhause abhole und wir zusammen in die Stadt fahren, dann haben wir auf dem Weg dorthin schon so viel Spaß, dass wir die Party umso mehr genießen können. Das, was auf dem Weg passiert, schweißt uns zusammen.
Ich bin Teil meiner Umwelt. Ich liebe es, über das Jahr hinweg die Pflanzen- und Tierwelt in meiner Umgebung zu beobachten. Der Baumsprössling, der mir letztes Jahr noch bis zur Brust ging, ist jetzt größer als ich. Die Amsel in dem Waldstück nebenan singt die gleiche Melodie wie letztes Jahr. Auf dem Weg realisiere ich immer wieder: Manches wandelt sich, manches bleibt vertraut - wie in der natürlichen Welt, so wie in mir selbst.
Höre ich politische Diskussionen oder lese Kommentare in den Nachrichten, dann bemerke ich oft, wie die Rede ist von “den Radfahrern” oder “den Autofahrern”. So als hätten Menschen je nach Verkehrsmittel nur eine einzige Identität. So als hätten Menschen nur als einziges Interesse, dass sie möglichst schnell und möglichst billig von A nach B kommen. Klar, das sind auch berechtigte Interessen, aber eben nicht die einzigen. Menschen haben viele Identitäten.
Verkehrsmittel lassen sich schnell wechseln - Identitäten nicht.